Sep
30
Kolumne: Oleg und die goldenen Elefanten
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ODESSA, UKRAINE Wenn es um ein Geschenk für sie geht, bin ich wenig erfinderisch. Ich schenke fast immer Ohrringe. Manchmal habe ich den Verdacht, dass sie ihre Ohrringe nur so regelmäßig und überdies pünktlich vor irgendeinem Fest verliert, damit ich überhaupt ein Geschenk finde. Falls ich gerade eine kreative Phase habe, bekommt sie auch mal Konzertkarten oder ein Buch. Kreative Phasen sind – zumindest, was mich betrifft – rar, in diesem Jahr hatte ich jedenfalls keine. Weil mir bis zum Vorabend ihres Geburtstages außer Ohrringen nichts eingefallen war, das ich hätte schenken können, rief ich meinen Freund Oleg an und fragte, ob ihm vielleicht etwas einfalle.
„Puuuh, schwierig”, sagte er. „Ich kenne mich mit Frauen zwar sehr, sehr, sehr gut aus, ich könnte dir Sachen erzählen, da würdest du neidisch …”
„Oleg, wir müssen die Märchenstunde verschieben, die Geschäfte schließen gleich. Bitte.”
„Ich hab’s. Wie wäre es mit Ohrringen?”
„Hmm, du meinst also auch, dass das eine gute Idee ist?”
„Die Idee ist nicht gut, mein Lieber, die ist brillant. Diamonds are a Kolumnistengirl’s best friend.”
„Kommst du mit und hilfst mir?”
„Ich bin gerade auf dem Klo und mache einen Upload.”
„Das höre ich. Beeil dich bitte.”
„Ich studiere gerade das Internet-Manifest mit den 15 Thesen der 17 Journalisten oder umgekehrt, ist ja auch egal.”
„Auf dem Klo?”
„Ich hab’s mir ausgedruckt.”
„Und?”
„Upload läuft”, sagte Oleg und war wegen der Von-innen-nach-außen-Geräusche kaum zu verstehen.
„Ich meine das Internet-Manifest.”
„Ich verstehe diese Manifestischisten leider nicht, mein Deutsch ist zu schlecht.”
„An deinem Deutsch liegt das sicher nicht.”
„Das habe ich mir auch schon gedacht. Die russische Version ist nicht besser.”
Eine Stunde später betraten Oleg und ich das größte Schmuckgeschäft in Odessas Zentrum. Unterwegs hatten wir verabredet, dass er die Verhandlungen führe, er hatte darauf bestanden und mir jedes Geschick abgesprochen. Man müsse sich in eine Schmuckverkäuferin unbedingt hineinfühlen können.
„Guten Tag, zeigt uns mal die teuersten Klunker, die ihr für Lauscher habt!”, sagte Oleg und beobachtete, wie die Verkäuferin Schublade um Schublade aufzog und Tablett um Tablett auf die Vitrine legte. Mit Mühe konnte ich an den Ohrringen die Preisschnipsel lesen: Es waren fünf Zahlen vor dem Komma. Oleg flüsterte, ich solle mir keine Gedanken machen, dies seien die Preise in Griwna, und winkte mit der Hand. „Mehr, mehr, Geld spielt keine Rolle.”
„Oleg, lass das!”
„Ja, was denn? Liebst du sie?”
„Natürlich”, sagte ich.
„Na also!”
„Bin ich Martenstein?”

Ich hatte mich dem Schmuckladen mit eher vagen Vorstellungen genähert: Gold oder Silber sollte es sein, bezahlbar sowieso, aber ich wollte nicht diesen Glitzerkitsch, der an zu vielen Odessaohren hängt. Bei Reinheit und Gewicht war ich kompromissbereit, da ich von beiden Dingen ohnehin nichts verstehe. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Wünsche die Auswahl derart einschränken würden. Was ich sah, war Schmuck, dessen Preis sich gewissermaßen umgekehrt proportional zum Aussehen verhielt: Je teurer, desto unschöner.
Oleg war als Berater auch keine Hilfe. Die Verkäuferin hatte mittlerweile so viele Ohrringe verteilt, dass der Ladentisch aussah, als wäre eine Horde ukrainischer Oligarchen eingefallen, um für die Geliebten einzukaufen. Der Uniformierte mit der Maschinenpistole, der auf einem Hocker in der Ecke saß, wurde allmählich unruhig. Gerade hatte er noch gedöst, jetzt streichelte er seine Waffe und schaute uns übellaunig an. Wir hatten ihn geweckt.
„Ich kann mich nicht entscheiden, Oleg, ich müsste sie am Ohr sehen.”
„Nun mach schon.”
„Ach, wenn doch Axel noch in Odessa wäre. Axel würde einfach seinen Ohrring rausnehmen und einen von diesen schnell reinhängen.”
„Axel, Axel, Axel, ich kann diesen Kerl langsam nicht mehr ausstehen”, schrie Oleg. „Hör zu Kolumnist, dann nehmen wir jetzt die zwei goldenen Elefanten mit den Steinchen am Rüsselende.”
„Oleg, ich hänge ihr keine Elefanten an die Ohren.”
Der Aufpasser mit der Maschinenpistole erhob sich von seinem Hocker und kam auf uns zu, stellte sich hinter mich und zischte.
„Ich kann die Elefanten runterhandeln”, sagte Oleg. Seine Stimme wurde immer tiefer.
„Ich glaube, wir sollten schnell gehen.”
„Bleib doch ruhig.”
„Ich weiß natürlich nicht so genau, was du so treibst, wenn du ohne mich bist, aber ich kann dir verraten, dass mich eine so große Waffe in meinem Rücken erheblich irritiert. Ich kann mich nicht konzentrieren.”
„So schnell wird in der Ukraine niemand mehr erschossen. Wir leben ja nicht mehr in den Neunzigern. Außerdem krieg ich die Elefanten locker auf 14000 Griwna runter, mein klammer Kolumnist.”
Seit einer Weile schon überschätzt Oleg meinen Kontostand und meinen Einfluss gewaltig. Wenn wir irgendwo etwas essen oder trinken, versucht er gar nicht erst, die Rechnung zu bezahlen. Er blickt auch nicht verschämt zu Boden oder bedankt sich wenigstens für die Einladung. Ich glaube, er hält mich für eine Mischung aus Oleg Popow und Rinat Achmetow, für einen Clownigarch sozusagen. In Wahrheit bin ich so vermögend und fröhlich wie ein ukrainischer Straßenpolizist, der schon lange kein Schmiergeld kassiert hat. Und es wird ja auch um mich herum alles teurer. Zum Beispiel besucht mein Sohn – zusätzlich zum Kindergarten – zweimal in der Woche eine Art Musikschule. Ich weiß nicht genau, was er dort macht, aber er macht es gern. Die Musikschule ist in den vergangenen sechs Monaten dreimal umgezogen. Nach jedem Umzug haben mir die zwei Lehrerinnen erzählt, sie würden jetzt noch weniger Miete zahlen, um Sekunden später zu verkünden, die Teilnahme koste jetzt ein bisschen mehr. Ich bin kein Wirtschaftsexperte, aber ich erkenne durchaus, dass da irgendetwas nicht stimmt. Der Musikschule scheint es gut zu gehen. Die beiden Erzieherinnen haben sogar eine weiße Ratte mit roten Augen und einem langen Schwanz gekauft, und weil mein Sohn gerade dabei ist, sich mit ihr anzufreunden, kann ich ihn schlecht abmelden.

Wahrscheinlich hätte ich die Ohrringe in Deutschland kaufen sollen. Fast alles, was es in der Ukraine gibt, ist in Deutschland günstiger und qualitativ hochwertiger. Die Ausnahmen, die mir auf Anhieb einfallen, sind Kartoffeln und anderes Zeug, das dicke Frauen auf dem Priwos-Markt verkaufen. Mit Schmuck habe ich es ohnehin nicht so, ich trage bloß meinen Ehering. Mein Sohn ist da ganz ähnlich. Neulich wollten wir einer Alten vor der Kirche ein paar Griwna zustecken, gerieten dabei aber in ein ausgiebiges Gespräch. Irgendwann befahl sie mir, meinem Sohn eine dieser Ketten mit Kreuz zu kaufen, die es in der Kirche für jene paar Griwnas gab, die ich ihr zugesteckt hatte. Danach befahl sie meinem Sohn, sich die Kette umzuhängen, doch er weigerte sich mit dem Hinweis, nur Mädchen würden Ketten tragen. Sogleich befahl die Alte allen Männern, die an uns vorbei in die Kirche gingen, ihre Brust frei zu legen.
„Siehst du, auch Männer tragen Ketten”, sagte die Alte schließlich.
„Aber nur komische Männer”, sagte mein Sohn.
„Wer sagt das?”, fragte sie.
„Papa.”
Nachdem sich der Aufpasser mit der Maschinenpistole, die näher zu kommen schien, zum dritten Mal geräuspert hatte, drehte sich Oleg um und legte seinen Zeigefinger auf die Lippen, widmete sich dann wieder der Verkäuferin, deutete auf mich und sagte: „Er nimmt die Elefanten. Machen Sie die beiden bitte zum Abtransport fertig, aber schön bitte, die haben morgen einen großen Auftritt. Törö!”
„Oleg, ich kann mir diese Elefanten nicht leisten, denk an die Ratte im Musikgarten.”
„Erwarte bitte kein Mitleid von einem Ukrainer. Ich wäre froh, wenn ich nur eine Ratte durchfüttern müsste.”
Ich griff irgendein Paar Ohrringe, das nicht nach einem Tier aussah, und bezahlte. Ich hoffe, sie freut sich trotzdem.
Mein Opa sagt manchmal, die größten Arschlöcher bekämen immer die besten Frauen. Da ich mich selbst nicht für ein Arschloch halte, muss ich sehr viel Glück gehabt haben.
Sep
30
Rolltreppenwitz
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KIEW, UKRAINE Falls Sie gerade ein bisschen deprimiert sind, will Ihnen schnell Mut zusprechen. Es geht immer aufwärts – man muss nur wissen, wo und wie.
Außerdem, finde ich, beruhigt so ein Filmchen wahnsinnig. In den vergangenen Tagen ist es hier doch ganz schön hektisch gewesen.
Sep
29
Jeepshow
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Falls Sie sich jetzt fragen, wie sich Ukrainer solche Fahrzeuge leisten können, denken Sie schon falsch. Sie können sie sich nämlich gar nicht leisten. Diese Autos gehören nicht den Leuten, die sie fahren. Sie gehören der Bank. Die Kredite, in Dollar aufgenommen, brechen den Leuten allmählich das Genick. Der Dollar hat sich seit August 2008 fast verdoppelt, die Griwna-Löhne sind indes nicht gestiegen. Odessas Autohöfe stehen voll mit Gebrauchtwagen, die nicht mehr abbezahlt werden konnten.
Sep
25
Wochenendarbeit für 2012
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KIEW, UKRAINE Mit der Infrastruktur mag die Ukraine, Vielleicht-Gastgeber der Fußball-EM 2012, etwas in Verzug sein. Die Stadien machen allerdings Fortschritte. Am Kiewer Olympiastadion wird sogar am Wochenende gearbeitet. Beachten Sie bitte auch unbedingt die letzten Bilder dieses hübschen Vortrags mit den dunklen Wolken am Himmel. Uiuiui!

Und dann hatte ich noch diesen Rieseneinfall, die Ampel vor dem Stadion zu fotografieren, Sie verstehen natürlich: Symbolkram und so. Ich wollte schon aufgegeben, weil die Autofahrer fortwährend Grün hatten – aber dann:

Ja, ich weiß, es wäre schön, wenn ich meine Position gehalten hätte, dann würde es nicht so ruckeln. Aber versuchen Sie mal, zwölf Minuten mit einer Kamera am fast ausgestreckten Arm – natürlich war’s der rechte! – auf einem Fleck zu stehen.
Sep
23
Besser als Odessa
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1. In Kiew gibt es Treppenhäuser, die nicht wie eine Klinik für inkontinente Katzen riechen.
2. Kiewer Verkäuferinnen geben selbst kleines Wechselgeld zurück. Ich habe in vier Tagen mehr Ein- und Zweikopekenmünzen gesammelt als in 16 Monaten Odessa.
3. Der Taxifahrer: “Der Porsche Cayenne ist in Kiew ein Mittelklassewagen.”
4. Kiew hat einen schönen Zoo. Odessa hat einen Zoo.
5. Kiews Klos sind auch nicht schlecht.
Nachtrag: Entschuldigung, mein Blog hatte sich ein paar Stunden totgestellt. Mein großartiger Webmaster hat es aber reanimiert. Wenn ich groß bin, werde ich auch Webmaster. Im nächsten Leben werde ich auch Webmaster. Und vielen Dank an iris für den Notruf.
Nachtrag 2: Ganz unten ist jetzt Claudias Klo aus Kiew, erbeten von Nataliya.

Sep
22
Im Deutschlandfunk: Wortspende aus Odessa
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ODESSA, UKRAINE Ich will Sie auf einen interessanten Radiobeitrag hinweisen, den Moritz Küpper für den Deutschlandfunk gemacht hat. Das Feature “Ein gefährdeter Traum” erzählt, wie sich die Ukraine als Gastgeber auf die Fußball-EM 2012 vorbereitet – oder besser: eher nicht vorbereitet. Und ganz nebenbei haben Sie die Chance, mal wieder meine Stimme zu hören, ich komme nämlich hie und da zu Wort.
Falls ich Ihnen zu sehr stottere – soll ja bei mir vorkommen -, können Sie Küppers Bericht natürlich auch lesen. Sie müssten dann allerdings die Baggergeräusche vom Kiewer Olympiastadion selber machen.
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Sep
21
Barrierenrepublik Ukraine
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KIEW, UKRAINE Ich verlange hiermit, der Ukraine sofort die Fußball-EM 2012 zu entziehen – und ihr überdies nie wieder die Austragung eines sportlichen Großereignisses anzubieten. Vielleicht bin ich zu streng, aber ich habe vier Tage lang Kinder und Kinderwagen durch Kiew geschleppt – hinunter zur U-Bahn-Rolltreppe und aus dem Metroschacht heraus, in alle möglichen Einkaufszentren, in Restaurants, auf Brücken und über Bordsteine, die mir bis zum Knie gingen. Ukrainer lieben Treppen und Stufen. Nichts ist barrierefrei. Und seit meinem längeren Besuch im Juli 2008 hat sich überhaupt nichts getan.
Und es macht mich wütend, dass die Herrscher dieses Landes einfach darauf setzen, irgendjemand würde ihnen die Infrastruktur EM-tauglich machen und auch noch dafür bezahlen, es machen zu dürfen.
(Ein Teil meiner Wut hat sicher auch damit zu tun, dass seit gestern mein Internet so langsam ist, als würden die Daten in einem Kinderwagen zu mir geschoben. Zwischendurch passiert natürlich stundenlang überhaupt nichts.)
Sep
19
Männerparadies: Sport, Möpse (und Fisch)
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KIEW, UKRAINE Ich muss unbedingt ins Kiewer “Penthouse”: 12 bis 8 Uhr Sport- und Sushibar, 12 bis 22 Uhr Restaurant, 21 bis 6 Uhr Stripbar. Auf “Sushi, *uschi und Fußi” als Überschrift habe ich schweren Herzens verzichtet.
Sep
17
Im Spielzeugland “Dynamo”
Abgelegt unter Nachrichten und mit den Tags Andrej Schewtschenko, Dynamo Kiew, Fußball, Korruption, Oligarch, Surkisversehen. | 3 Kommentare
KIEW, UKRAINE Wahrscheinlich wissen Sie längst, wo ich gerade gewesen bin – jedenfalls dann, wenn Sie das Knallerspiel der Champions League zwischen Dynamo Kiew und dem FC Rubin Kasan geschaut haben. (Dass Kasan Hauptstadt der autonomen Republik Tartastans ist und die autonome Republik Tarstastan wiederum zu Russland gehört, hätte ich vorher auch nicht auf Anhieb gewusst.) Ich saß am Abend im Walerij-Lobanowski-Stadion auf Höhe der Eckfahne im Block 18, Reihe 10, Platz 27 und habe – aber das kann Ihnen nicht entgangen sein – tüchtig gewinkt.
Ich vermelde hiermit Dynamos 3:1-Sieg. Wäre ich als Sportreporter an- und abgestellt beim Mitteldeutschen Rundfunk, würde ich das Spiel so zusammenfassen: “Es war ein verdienter Erfolg der Dnepr-Städter – dank einer klaren Leistungssteigerung in Hälfte zwei.” Dynamo hat in der ersten Halbzeit tatsächlich grauenhaft gespielt – trotz Andrej Schewtschenko, dem Fußballhelden der Hauptstadt, genannt “Schewa”, Dynamos Dauertorschütze Mitte bis Ende der Neunziger und einst 50 Millionen Euro teuer.
Nach erfolgreichen Jahren beim AC Mailand und folgender Tribünenhockerei beim Chelsea FC war er vor der Saison heimgekehrt. Mitleid müssen Sie nicht haben: Schewtschenko, mittlerweile fast 33 Jahre alt, verdient so viel wie kein anderer Fußballer in der Ukraine. Mit seinem Arbeitgeber müssen Sie deshalb freilich auch kein Mitleid haben, denn Dynamo Kiew gehört Grigorij Surkis, einem dieser spielzeugsüchtigen Oligarchen, die es in Russland und der Ukraine zuhauf gibt. Surkis ist Großindustrieller, Fußball-Präsident der Ukraine, Mitglied des Exekutivkomitees der Uefa und natürlich Politiker. Sein Ruf könnte besser sein. Angeblich hat er einmal wegen des Korruptionsverdachts nicht in die USA einreisen dürfen. Andererseits ist die Kombination Oligarch, Fußballfreund und Politiker auch denkbar ungünstig, um sympathisch zu wirken. Finden Sie aus dieser Riege in der Ukraine mal jemanden, dessen Ruf nicht noch schlechter ist als der eines Gebrauchtwagenhändlers.
In der ersten Halbzeit hatte Schewtschenko, Surkis neue Spielfigur, zwei gute Szenen: Einmal ergrätschte er vom Gegenspieler rustikal den Ball. Beim zweiten Mal richtete er wunderschön seine Haare. (Er trägt sie jetzt wieder länger.) Ich hatte ihn ja vor ein paar Monaten aus Gier nach einem schnellen Witz zum FC Sachen Leipzig in die fünfte Liga transferiert – auf diesem Niveau spielte Schewtschenko. Er war einer von elf Schwächlingen. In der zweiten Halbzeit waren dann einige Spieler besser als er.
Die drei Tore, die Dynamo nach der Pause schoss, wurden so gefeiert:
Ich gebe aber gern zu, dass die Leute um mich herum das nicht witzig fanden, zumal es dort brannte, wo neben Fotografen und Aufpassern, die augenscheinlich kaum älter als 16 waren, auch Balljungen standen. Die Stadionsprecherin erzählte zwar jedes Mal aufgeregt, es sei verboten, pyrotechnischen Kram herumzuschmeißen – allerdings hätte man die Besucher vielleicht auch am Einlass kontrollieren können. Ich habe nicht gesehen, dass irgendjemand abgetastet worden wäre.
Und nun präsentiere ich Ihnen noch stolz das sebstgedrehte Tor zum 3:1, geschossen von Oleg Gusev.
(Vielleicht ergänze ich diese Geschichte später noch ein bisschen.)
Sep
16
Am Pranger
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ODESSA, UKRAINE Mal wieder etwas aus der Reihe, wie ernst in der Ukraine der Datenschutz genommen wird. In der Hofeinfahrt hängt seit gestern dieser Zettel:
Darauf stehen 36 Personen, die in der Troizkaja Straße 28 wohnen und offenbar Schulden haben. Und damit sich auch bloß niemand nicht angesprochen fühlt, trägt jeder dieser 36 Vor-, Vaters- und Nachnamen. Wem Geld geschuldet wird, ist mir unklar, weil ein Wütender (oder auch sehr Vernünftiger) das Schreiben so gekürzt hat, dass der Absender mittlerweile fehlt. Und ehe Sie jetzt denken, ich würde mit dem Finger auf andere zeigen: Ich stehe auch auf der Liste, ich bin der zweite von oben. Meine Schulden betragen 162,04 Griwna. Damit bin ich immerhin der Zehntbeste. Der Sieger bringt es auf 1512,80 Griwna. Letzte ist Nina mit acht Kopeken.
Okay, eigentlich steht dort nicht mein Name, sondern nur der des Sohnes meiner Vermieterin. Ich weiß nicht genau, ob es Altschulden des Sohnes sind oder doch ich irgendwo im Rückstand bin. Es ist alles viel komplizierer, als Sie sich vorstellen können.
Am besten ich tauche ich mal ein paar Tage in Kiew unter – bis Sonntag, vielleicht.






