Von der Ukraine lernen…

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…heißt heiraten lernen:

Berlin-Charlottenburg, Spandauer Damm

Berlin-Charlottenburg, Spandauer Damm

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Iris’ Mann war einer der glücklichen 75000, die am Sonnabendabend das WM-Qualifikationsspiel zwischen Russland und Deutschland in Moskau im Stadion erlebt haben. Hier ist sein Bericht:

Der Tag verspricht schön zu werden. Nach mehreren Trübwettertagen lässt sich endlich mal wieder die Sonne sehen. Gute Stimmung vorprogrammiert. Tolles Spiel in Aussicht. Aber „warm anziehen“ ist natürlich angesagt, auch wegen der durchaus spürbaren Kühle der Luft.

Auf dem Weg zum Stadion immer mehr und mehr russische Fans und „Fans“. Die einen, mit Mützen, Fahnen, Schals und Tuten ausgerüstet, in zielstrebiger Bewegung Richtung Luzhniki-Sportkomplex zur Unterstützung ihrer Mannschaft. Die anderen, ausgestattet mit allen Attributen staatlicher Hoheitsgewalt, verharren in entschlossener, unerschütterlicher Bewegungslosigkeit entlang einer vorgeschriebenen Strecke. Sie weisen offensichtlich nicht immer den direkten Weg, aber ihre Brust und die Schlagstücke in den Händen definieren eindeutig rechts und links und geradeaus.

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Die Fanartikelstände sind dicht umlagert. Auch Fahnen und Schals des heutigen Gegners sind verfügbar, erfreuen sich aber nicht wirklich großer Nachfrage. Die kleinen Grüppchen vereinzelter deutscher Fans sind längst ausgestattet oder verzichten darauf. Sie bevorzugen heute aus irgendeinem Grund ein dezentes Auftreten in Zimmerlautstärke.

Rund um und erst recht auf dem Stadiongelände selbst gibt es keinen Verkauf von Alkohol. Die russischen Fans haben deshalb zum großen Teil den Nachmittag genutzt, um vorab ein paar Promille in den Adern zu bunkern. Aber alles läuft sehr diszipliniert ab, mit lautstarkem kollektiven Optimismus, der sich beim Anmarsch unüberhörbar in fröhlichen Rufen, Gesängen und Sprechchören äußert.

Die langen Schlangen vor den mehrfachen intensiven Personenkontrollen werden einfach mit der nötigen Zeit und Geduld hinter sich gebracht. Und endlich fällt der Blick in das sich füllende Stadion mit dem leuchtenden Grün in der Mitte. Die Zeit bis Spielbeginn vergeht schnell. Der Stadionsprecher schwört das Publikum auf seine Rolle ein: „Wir für Euch, Ihr für uns!“. Die Fans – eine Mauer im Rücken der eigenen Mannschaft! Alle machen mit. Mein ganzer Block C verschwindet unter einer einzigen riesigen russischen Flagge – interessant, das Treiben darunter.

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Dann beginnt das Spiel. Erstaunlich – auch die russische Mannschaft zeigt zunächst Respekt und relative Zurückhaltung. Doch bei jedem Pass oder Lauf der eigenen Mannschaft in die gegnerische Hälfte betäubt der Jubel der Fans die Ohren. Die russischen Fanblöcke in beiden Kurven feuern sich wechselseitig an. Doch unbeeindruckt und gut eingestellt tritt die deutsche Mannschaft auf. Stabile Abwehr vereitelt die russischen Attacken, zwischendurch zwei, drei gut gespielte Angriffe, und plötzlich das Tor! Für die Gäste! In den Beginn der Halbzeitpause klingen einige Pfiffe der Fans.

Als die zweite Halbzeit losgeht, besinnen sich die Gastgeber auf ihre Stärken. Pfeilschnelle Durchbrüche und genaue Pässe in den Rücken der Abwehr. So gute Chancen ! Zunichte gemacht durch einen glänzend aufgelegten deutschen Torhüter oder aber kläglich verdaddelt! Immer wieder! Und die Deutschen antworten mit wenig populären Mitteln: Zeitspiel, Simulation, Fouls. Gerechte Strafe – Rote Karte. Erneute Hoffnung! Und doch beginnt mit jedem vergeblichen Schussversuch und jeder ach-so-ungerechten Fehlentscheidung des Schiedsrichters die Mauer der Fans zu bröckeln. Und gerade als die Mannschaft die Unterstützung der Zuschauer am meisten brauchen könnte, in den letzten 10 Minuten, sorgt die Ankündigung des Stadionsprechers über die Vorschriften und Einschränkungen beim Verlasssen des Stadions für eine massive Flucht aus den „benachteiligten“ Sitzblöcken.


Plötzlich, ganz unspektakulär, ist das Spiel aus. Die immer noch reichlich verbliebenen Fans, ernüchtert durch das Resultat und die verstrichenen zwei-drei Stunden Zeit, ergeben sich in ihr Schicksal. Warten heißt es, bis der eigene Sitzblock das Stadion endlich verlassen darf. Nur, wenn in die erschöpfte Stille plötzlich doch die Gesänge des kleinen deutschen Fanblocks dringen, rafft sich das Publikum noch einmal zu allgemeinem Protestgetöse auf.

Übrigens fanden am selben Tag weitere drei Spiele zwischen Russland und Deutschland statt: Mannschaften der Jugend, der Veteranen, der Fans, Alle wurden von den Russen gewonnen. Am schlimmsten kamen die deutschen Fans mit 0:7 unter die Räder. Was aber wiegt das im Vergleich zur Niederlage im entscheidenden Match, dem der „Sbornaja“ in der WM-Qualifikation?

Superstar Arschawin sagte vor dem Spiel:

Ehrlich gesagt, ich möchte über das Thema Relegationsspiele nicht einmal nachdenken, geschweige denn darüber diskutieren, wer darin gegen wen spielen wird.

Tja, hat wohl heute nicht sollen sein.

(Iris) Als mein Mann mitbekommen hat, dass ich über das bevorstehende Fußballspiel Russland : Deutschland berichten will, hat er sich spontan bereit erklärt, das Projekt in die Hand zu nehmen. Da Christoph ein Fußballfan ist und meine Beziehung zu dem Sport sich aufs Dulden beschränkt, habe ich hier der Kompetenz den Vorrang gegeben ;)
Hier also der Bericht meines Liebsten:

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„Seit Monaten streben die deutschen Angriffsspitzen auf Moskau zu! Hier wird die Entscheidung fallen! Hier wird die letzte Bastion der Gegner über den Haufen gerannt. Danach ist der Weg bis runter nach Südafrika frei!“
Oh, oh. Schlimme Töne.
Aber Gott sei Dank! So martialisch geht es heutzutage im friedlichen, Völker verbindenden Fußballsport glücklicherweise nicht zu. Obwohl natürlich die Fans der russischen ebenso wie die der deutschen Nationalmannschaft tatsächlich voller Erwartung und auf das Höchste gespannt sind, wer sich am nächsten Samstag auf Moskauer Kunstrasen den Gruppensieg und damit die direkte Teilnahme an der Fußball-WM 2010 in Südafrika sichern wird.

Da muss man dabei sein! Als deutscher Zuschauer in der Höhle des Löwen, also des russischen Bären! Man ist schließlich „Anhänger“ seiner Mannschaft. Klingt ein bisschen passiv, aber man ist wie angekettet und muss eben einfach „mit“, egal wohin die Reise geht. Die russischen Fans dagegen nennen sich „Bolelschtschiki“. Sie „kranken“, also fiebern mit ihrer Mannschaft mit! Eine Begegnung der einen mit den anderen ist bestimmt ebenso spannend, wie das Treffen der Aktiven selbst.

Ich erinnere mich noch gut, wie schwierig es war, Tickets für die WM-Spiele 2006 in Deutschland zu bekommen. Ganz gerecht ging es zu, ganz demokratisch, einfach eine Lotterie. Der Einsatz: alle nur irgendwie verwertbaren Identifikationsdaten der Interessenten!
Hier in Moskau funktioniert die Demokratie einer solchen Prozedur viel einfacher und direkter:
Warte ab, bis die Zeit reif ist, und zahle dann einfach die Schwarzmarktpreise an „offizielle Ticketagenturen“. Gleiche Chance für Jeden, sozusagen.

Gesagt getan: Interesse geäußert, Platz bestimmt, und zwanzig Minuten später soll der Kurier vor der Tür stehen und das Ticket gegen Bargeld tauschen! Schreck lass nach, ist der Mann schnell! Jetzt aber los und auf die Socken gemacht, und aus den umliegenden drei Bankomaten den gängigen Rubel-Betrag abgeschöpft! Man gönnt sich ja sonst nichts! Geschafft – da liegt es auf der Hand, das begehrte Ticket! Um die Nerven zu schonen, übersieht man geflissentlich den aufgedruckten Nominalpreis.

Ab jetzt tickt die Zeit rückwärts. Die Stunde Null beginnt am 10.10.2009 um 19 Uhr Moskauer Zeit im Luzhniki-Sportpark. Und ich werde dabei sein!

Eintrittskarte-Ru-De
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P.S. (Iris)
Hoffentlich ist mein Liebster nicht
denen hier aufgesessen!

(Iris) Wir haben beschlossen, die letzten Sonnenstrahlen des Sommers in Moskau zu nutzen, sind in den Trolleybus vor unserem Haus gestiegen und bis zur Endhaltestelle gefahren.
Hier befindet sich die ehemalige Allunionsausstellung der Sowjetunion (VDNCH), die jetzt VVZ heißt (Allrussisches Ausstellungszentrum).
Auf diesem Gelände prangt der Goldene Brunnen der Völkerfreundschaft. Im Zentrum stehen 16 vergoldete Bronzefiguren, die jeweils eine der Sowjetrepubliken darstellen. Die Sowjetrepubliken sind, beginnend mit der Karelischen, Schritt um Schritt abhanden gekommen, aber die Figuren stehen noch ;)

Brunnen-der-Voelkerfreundschaft

Der Brunnen der Völkerfreundschaft

(Iris) Nun werde ich mal Christophs Bitte entsprechen und einen Beitrag zu seinem Blog leisten. Da ich nicht annähernd so gut schreibe wie Christoph, lasse ich hier ein paar Alltagsbilder sprechen.
An dieser Stelle möchte ich schon mal Axel danken, der sich bereit erklärt hat, das Technische zu übernehmen und den Beitrag auf Christophs Blog zu stellen!
Also Axel – viele Grüße aus dem kalten Moskau, in dem heute die Heizperiode beginnen soll. Die Heizung wird in Moskau zum Herbst hin erst angestellt, wenn es 5 Tage lang im Tagesmittel unter 8 C° war. Das ist ein großer Fortschritt gegenüber Kiew, denn dort wird die Heizung frühestens am 15. Oktober angestellt, egal wie kalt es ist. Und das auch nur, wenn genug Gas für die Bevölkerung da ist. Dafür unterscheiden sich die Temperaturregelungen in den Wohnungen dann nicht. In beiden Städten werden die Fenster aufgerissen, wenn es zu warm wird, denn Regler an den Heizungen gibt es nicht. Aber ich bin optimistisch und sage NOCH nicht ;)
Also los geht’s mit den Bildern aus Moskau auch aus wärmeren Tagen:

Moskau

SCHWERIN, DEUTSCHLAND Manchmal, wenn ich an die deutschen Rentner denke, die immerfort auf die Politik schimpfen und einen Abstieg in die Armut fürchten, frage ich mich: Warum schickt die Bundesregierung diese Leute nicht mal für eine Woche in die Ukraine? Ich wette, sie kämen wieder und wüssten, dass sie in einem Teil der Welt leben, der – von einem anderen Teil betrachtet – dem Paradies sehr ähnlich ist.  Besucher der Bundesgartenschau in Schwerin können am Eingang Elektromobile ausleihen – kostenlos! In Odessa beobachte ich mitunter Frauen, die  aussehen wie neunzig, aber sicher noch keine fünfundsiebzig sind. Sie bewegen sich, einen Holzstuhl als Gehhilfe, fort – gefühlte fünf Zentimeter pro Minute.

Eingangsbereich der Bundesgartenschau in Schwerin

Damit verabschiede ich mich für ein paar Tage in den wohl unverdienten Urlaub. Als Gastautorin habe ich Frau iris verpflichtet, die die Ukraine und erst recht Russland viel besser kennt als ich. Um genau zu sein: Ich habe Frau iris eingeladen, gelegentlich einen Beitrag zu schreiben, und hoffe, dass sie dieser Bitte nachkommt.