Nato oder blockfrei?

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Ja, lesen denn die Kollegen der Deutschen Welle nicht meinen Blog? Die Diskussion um einen Nato-Beitritt ist in der Ukraine jedenfalls nicht unbedingt “neu entbrannt” wegen der Kämpfe zwischen Russland und Georgien. Das Thema ist ein Dauerbrenner, dem ich doch sogar meinen ersten Außendreh mit Kamera verdanke.

Aber Journalisten diagnostizieren gern Neues, um einen Bericht unterzubringen. Allenfalls sind die Zeitungen mal wieder voll mit diesem Thema, was ein typisches Medienphänomen ist. Man hat einfach einen Aufhänger, wie das so schön heißt. Trotzdem lohnt sich natürlich zu lesen, was die Deutsche Welle berichtet.

Apropos Präsident

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KRIM/ODESSA, UKRAINE Hoch soll er leben, hoch soll er leben, dreimal hoch. Hoch! Hoch! Hoch! Mein Ständchen kommt ein bisschen spät, weil ich erst heute Morgen zur Lektüre der Montagsausgabe der Zeitung Segodnya gekommen bin. Aber ich will doch nicht versäumen, dem ukrainischen Ex-Präsidenten Leonid Kutschma herzlich zum 70. Geburtstag zu gratulieren.

Kutschma, Staatschef von 1994 bis 2005, feierte am Sonnabend auf der Krim. Von einem rauschenden Fest zu sprechen, würde der Feier nicht gerecht werden. Es wäre ungefähr so, als würde man den Mann einen Freund der Presse oder einen unbestechlichen Politiker nennen. Man könnte seine Vergangenheit in diesen beiden Punkten so zusammenfassen: Für sich hat er gesorgt, den Journalisten Heorhih Gongadse hat er entsorgt. Es gibt jedenfalls gewisse Vorwürfe, die Kutschma freilich immer zurückgewiesen hat.

Die Party kostete nach Angaben von Segodnya vier Millionen Dollar. Noch Fragen? Gäste waren natürlich die unvermeidlichen Klitschko-Brüder. Aber wo sind die Boxriesen eigentlich nicht? Ich kann mich an keinen Kampf erinnern. Haben die überhaupt jemals geboxt, oder sind sie einfach so ins Fernsehen geraten? Sie haben Kutschma ein 40 Kilogramm schweres Buch mit Aufnahmen Muhammed Alis geschenkt, von dem es nur 100 Exemplare gibt. Der 70. Geburtstags Kutschmas war das Medienereignis des Sommers. Schon Wochen vorher hatten Zeitungen ganzseitig über den Stand der Vorbereitungen berichtet.

Ich war übrigens nicht eingeladen, ich hoffe jetzt auf den 75. Geburtstag des Ex-Präsidenten. Dann werde ich live bloggen, das ist ja gerade schwer in Mode. Der Kollege Jens Weinreich hat das mit der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele fabelhaft vorgemacht.

Nehmen Sie sich also für den Abend des 9. August 2013 schon mal nichts vor. Ich melde mich dann live von der Krim.

Nachtrag, 13. August: Falls jemand den verlinkten Beitrag der Segodnya schon zweimal übersetzt hat und noch immer das Wort “Skandal” sucht oder die Frage, wie Herr Kutschma solch ein Fest für vier Millionen Euro bezahlen könne, empfehle ich, die Suche einzustellen.

Ich habe mir zuletzt ein paar Erregungen gestattet, ausgelöst von gewissen Widrigkeiten in der Ukraine. Jetzt bringe ich eine gute Nachricht, also zurücklehnen und genießen: Der ukrainische Präsident Wiktor Juschtschenko hat nach der Flutkatastrophe im Westen des Landes (38 Tote) sein Augustgehalt für die Beseitigung der Schäden im Gebiet Iwano-Frankowsk gespendet. Dies meldet Lenta.ru. Im Dorf Kriworiwnja muss eine Schule wieder aufgebaut werden.

Und falls Sie jetzt einen Kommentar schreiben wollen, um die Summe zu erfahren, die der Staatschef locker gemacht hat, weil Sie glauben, sein Gehalt müsse doch bekannt sein, Angela Merkels Verdienst (261500 Euro pro Jahr) sei schließlich auch kein Staatsgeheimnis – sparen Sie sich die Mühe. Ich weiß es nicht. Lenta.ru weiß es nicht. Womöglich weiß es Wiktor Juschtschenko, ich würde aber eher nicht darauf wetten. Vielleicht wird es publik, wenn der Präsident am Jahresende eine Spendenquittung fürs Finanzamt braucht.

Eine halbe Million Ukrainer sind HIV-infiziert. Die Deutsche Welle hat mit der Landeskennerin Inge Banczyk von der Berliner Aids-Hilfe darüber gesprochen. Banczyk sagt: ”Auch die ukrainische Regierung spricht inzwischen von einer Aids-Epidemie.” Mehr…


Kolumne: Ich leg Oleg um

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ODESSA, UKRAINE Hasst eigentlich irgendjemand meinen Freund Oleg? Mir haben Frauen geschrieben, sie wollten ihn unbedingt und so schnell wie möglich kennen lernen. „Oleg ist so süß”, schrieb eine Dame, es stand sogar in der Betreffzeile ihrer Mail. Eine andere teilte mit: „Kolumne gut, Oleg heiß. Aua, schon wieder verbrannt!” Ich hätte es Oleg nicht erzählen dürfen, das ist für jeden Mann zu viel, ich habe es aber getan. Mir ist das nach dem zweiten Caipirinha einfach so rausgerutscht, obwohl ich nicht betrunken war. Mich ruiniert in Odessa die Sprite, die in vielen Bars statt Wasser auf die Limetten und das Eis gegossen wird. Ich habe Sprite noch nie vertragen.

Es war leichtsinnig von mir. Ich habe auch übertrieben, ich bin Journalist, mein Gott, ich wollte nur Meinungsmacht demonstrieren, ich habe sogar ein bisschen geschrien oder jedenfalls ziemlich laut gesprochen. Es waren genau zwei Frauen, die mir ausschließlich wegen Oleg geschrieben haben, und von der einen weiß ich ganz sicher, dass sie in festen Händen ist. Die andere ist auch immer in Händen, allerdings in nicht so festen, sie wechseln sehr oft.

Als ich merkte, dass Oleg das nicht verkraftet, habe ich versucht, das Thema zu wechseln. Ich erzählte, ich hätte zuletzt in einer Stadt gearbeitet, in der ein Oberbürgermeisterkandidat gerade dummes Zeug über Homosexuelle gesagt habe. Der Mann hat Schwule sehr direkt mit Aids in Verbindung gebracht und diesen Spruch mit der Seife gemacht, vielleicht hat er die Bundeswehr nicht verkraftet, ich kenne ihn nicht persönlich. Danach wollte er sich entschuldigen und machte alles noch schlimmer, indem er berichtete, er habe doch Freddie Mercury auch geliebt und schätze die Meinung vieler Männer, die schwul seien. Er kramte alles raus, was Herr Spießbürger für tuntig hält und meidet. Er schmiss sich richtig ran und strich den schönsten Satz später aus seiner Entschuldigung: “Am Samstag war ich mit einem Freund nackig im See schwimmen.”

Doch Oleg hatte nicht einmal zugehört. Er war noch ganz bei den Frauen. Jetzt besteht er darauf, dass er in mindestens jeder zweiten Kolumne auftritt, die ich veröffentliche. Ich soll es ihm schriftlich geben. Er will auch ein Zitathonorar, er verlangt eine Griwna pro Wort, das nachweislich er spricht.

Gestern Nacht habe ich geträumt, ich sei im Fernsehen. Die Moderatorin begrüßte mich und sagte: „Wenn ich Ihnen vor einem Jahr gesagt hätte, Sie wären heute der erfolgreichste Kolumnist Deutschlands und der Blogger – ich übersetze das mal mit journalistisch angehauchter Schreiber im Internet – , der Blogger mit den meisten Page-Impressions, also sehr vielen Lesern, was hätten Sie mir geantwortet?”
„Zunächst hätte ich Ihnen erklärt, dass dieser Satz für eine Einstiegsfrage kurz vor Mitternacht zu lang sein könnte”, sagte mein Traum-Ich. „Danach hätte ich geantwortet: Jetzt sind wir schon zwei, die das glauben.” Niemand lachte.

Die restlichen zehn Minuten gehörten Oleg. Die Moderatorin erzählte, die Redakteure hätten alles versucht, „diesen Liebling so vieler deutscher Frauen” einzuladen. An dieser Stelle gab es Beifall. Doch Oleg habe abgelehnt und gesagt: „Bei Ihrer Gesprächsrunde handelt es sich um eine Sendung im dritten Programm. Die kann der Kolumnist schön alleine machen. Zu Wetten, dass…? würde ich gehen, aber auch nur, wenn Jennifer Lopez käme.” Die Leute fanden das nicht arrogant, sondern witzig. Ich wollte das Thema wechseln und versuchte mich an den Oberbürgermeisterkandidaten zu erinnern, der vor einem Jahr irgendetwas Gemeines über Homosexuelle… Doch die Moderatorin fragte weiter nach Oleg. Oleg war nicht mehr mein Freund, ich war der Freund von Oleg.

Vor ein paar Minuten habe ich Oleg erklärt, ich könne ihm nicht eine Griwna pro Wort zahlen, das sei nicht refinanzierbar für mich, ich müsste meine Kosten auf die Leser umlegen. Und ich weiß, dass ein solches Verfahren immer Ärger macht, ich habe früher als Reporter in der Provinz oft darüber berichtet. Die Stadt baut einen neuen Bürgersteig und legt um auf die Hausbesitzer, und die wiederum legen um auf die Mieter. Alles wird in Deutschland umgelegt: Abwasserleitungen, Klärwerke, sogar Trauerhallen.

Oleg sagte nur, ehe er die Verhandlungen abbrach: „Leg um, wen du willst. Du bist nichts ohne mich. Das ist die Wahrheit.”

Seine letzten vierzehn Wörter würden mich 14 Griwen kosten, das sind zwei Euro. Wenn Oleg nicht noch ein günstigeres Angebot unterbreitet, schmeiße ich ihn raus.

ODESSA, UKRAINE Ich weiß nicht, wie lange ich es in dieser Stadt noch aushalte, ewig jedenfalls schaue ich mir nicht mehr an, wie ich unterdrückt werde. Ich mache nicht mehr mit, ich kann das meinem Sohn und mir nicht antun. Ich werde nach Kiew fahren und den deutschen Botschafter um einen Termin bitten. Notfalls zelte ich dort im Garten und warte, bis sich der Außenminister, müde von langen diplomatischen Verhandlungen über meine Zukunft, auf dem Balkon zeigt und spricht. „Liebe Landsleute, äh, Pardon, lieber Landsmann, ich bin heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen zu sagen…” Dann werde ich jubeln. Außenminister steigen ja seit Hans-Dietrich Genscher 1989 in Prag nur noch auf Balkone, wenn sie eine gute Nachricht haben.

Irgendwas wird Frank-Walter Steinmeier schon einfallen. Es geht schließlich um meinen Sohn, der mir entgleitet. Ich verlasse mich auf Steinmeier, denn ich bin kein Revolutionär, der sich auf die Straße wagt. Demonstrieren will ich nicht. „Ich – bin – der – Vater!” – ich meine, das ist doch Mist, das ist doch kein Ruf, der um die Welt geht, das klingt doch nicht. Damit lande ich in einer Talkshow am Nachmittag statt in der Tagesschau um 20 Uhr. Die Leute sehen mich und denken: plemplem, vollkommen gaga, der Typ.

Die Neugierde meines Sohnes wird allmählich für mich eine größere Herausforderung als ein Streitgespräch über den Umgang mit dem Islamismus oder die Kultur des Abendlandes. Er fragt zum Beispiel, wenn wir vom Kindergarten nach Hause gehen: „Papa, dürfen hier Autos fahren und parken?” Als Reporter, der vor allem beobachtet und sich der Meinung langsam nähert, prüfe ich zunächst. Ich schaue und denke: Bordstein plus Hauswand plus Kiosk plus Mülleimer plus Bettler mit Pappbecher ergibt Bürgersteig. Also sage ich: „Das ist ein Bürgersteig, hier dürfen Autos nicht fahren und nicht parken.” Sekunden später rast auf uns ein Jeep zu und hält vor meiner Nase und seinem Näschen. Gestern ist der Bus an der Haltestelle und an uns vorbei gerauscht. Einfach so. Ich hatte ihn großspurig angekündigt, weil es regnete, als hätte der Himmel den schlimmsten Liebeskummer aller Zeiten. Ich glaube nicht mehr an Zufälle, man will mich kaputtmachen und klein kriegen.

Vor einer Woche sind wir umgezogen. Die Vermieter hatten uns wegen meiner Spiegel-Affäre und der zwei Polizisten am Küchentisch rausgeworfen. Im August hat man als Wohnungssuchender nicht sehr viel Auswahl in Odessa. Urlauber, die tageweise einquartiert werden, bringen mehr Geld. Wir sind also gewissermaßen umgesiedelt worden. Wir haben die Heimat verloren! Ich bin ein Vertriebener! Wo wir jetzt wohnen, ist es laut. Es gibt zu wenige Parkplätze. Die Luft ist schlechter.

Und dann ist da die Sache mit dem Kabel. Ich kann meinem Sohn nicht erklären, was es auf unserem Balkon zu suchen hat. Es kommt von oben, augenscheinlich aus einer Wohnung, es führt nirgendwo hin und schwingt, wenn der Wind weht; hin und wieder trete ich aus Experimentierlust darauf herum, manchmal werfe ich es über das Geländer, dann wieder ziehe ich daran und warte, als müsste eine Glocke läuten, eine Lampe umkippen oder ein Fön herunterfallen, und wenn ich genug habe, binde ich es fest. Dann weht wieder der Wind, und alles beginnt aufs Neue.
„Was ist das?”, fragt mein Sohn.
„Das ist ein Kabel”, sage ich.
„Was macht das?”

Was weiß ich denn, bin ich Hellseher? Kann ich durch die Decke gucken? Ich verstehe doch das Land mit jedem Tag weniger. Ich durchschaue nicht einmal die Waschmaschine, die zuweilen wäscht und sich dann verweigert, und die habe ich vier Stunden studiert vor dem Kauf. Ich begreife nicht, warum das Bad eine Dusche mit Radio hat und keine Tür, die sich schließen lässt. Ich habe keine Ahnung, warum die Männer vormittags vier Stunden ihr Auto waschen und nachmittags klagen, sie hätten keine Zeit für die Familie. Mir leuchtet nicht ein, warum die schönsten Frauen auf die widerlichste Weise ihren Speichel absondern. Vielleicht schaue ich in der Fremde auch nur sorgfältiger hin. Nicht einmal das weiß ich.

„Was macht das, Papa?”
„Das ist die Klospülung”, sage ich. „Und bevor du jetzt fragst, warum die Leute so etwas tun: Es ist einfach so, mein Liebling.”

Eines Tages wird er wissen wollen, wie Odessa war, und dann hole ich das Bild, auf dem er als Tatarenherrscher verkleidet ist. In Wahrheit hat der Kindergartenfotograf nur das Gesicht hineinmontiert. Man soll das nicht sehen, eigentlich, aber wenn das Kind plötzlich keinen Hals mehr hat, weil der die Montage am Computer erschwert hätte, fällt das einem Vater eben auf. Ich werde auf dieses Meisterwerk der zeitgenössischen ukrainischen Lichtbildkunst tippen und sagen: „So war diese Stadt, genau so und nicht anders.”
„Du meinst: nicht schön, aber ungewöhnlich?”
„Sag ich doch.”

Ich muss mich jetzt wehren gegen die Zustände in dieser Stadt. Später würde mir mein Sohn sonst vorwerfen, ich sei ein Ahnungsloser gewesen, ein Träumer, ein Theoriedussel, der vor der Wirklichkeit die Augen verschlossen hat. Und ich hätte keine Antworten, um mich zu rechtfertigen, ich müsste mich herausreden und sagen: „Es war nicht alles schlecht, weißt du, Odessa hatte auch gute Seiten. Denk nur mal an die sonnige Sicherheit: Alle hatten schönes Wetter.”

Mein Sohn wird diese Kolumne irgendwann googeln und dann sagen: „Ich bin stolz auf dich, Alter, weil du nicht geschwiegen hast.” Diese Kolumne ist: mein Akt des Widerstands. Kürzer ging es nicht.

Schwedenhappen

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Logoklau?

Logoklau?

Geht es anderen auch so – oder bilde ich mir da nur etwas ein, weil ich die Schwedenhappen von gestern Abend noch nicht verdaut habe? Mir kommt das Logo über dem Einrichtungslädchen Idea in Odessas Zentrum sonderbar bekannt vor. Irgendwo habe ich das schon mal gesehen, mir fällt leider gerade nicht ein, wo. Ich bitte um Hinweise im Kommentarbereich; die sachdienlichsten werden belohnt – mit einer Postkarte aus Odessa.

Schluss mit dem Versuch, diesen Blog populär zu machen. Jetzt wird es journalistisch:

Welche Folgen die Logoähnlichkeit haben wird, ist offen. Ein Sprecher von Ikea Deutschland teilte auf Nachfrage per Mail mit:

Das Ikea-Logo ist rechtlich geschützt. Wir behalten uns daher zu jedem Zeitpunkt vor, gegen Missbrauch vorzugehen. Ob wir das in diesem Fall tun werden, kann ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Unsere Kollegen in der schwedischen Zentrale werden das prüfen.

Bislang gibt es kein Einrichtungshaus der Schweden in der Ukraine. Gerüchten zufolge sollen alle Pläne an den Verhältnissen im Land gescheitert sein, was übersetzt gewöhnlich heißt: Uns war die Korruption zu groß. Noch einmal der Ikea-Sprecher:

Unseres Wissens ist in absehbarer Zeit, also in den kommenden Jahren, keine Filiale in der Ukraine geplant. Eventuelle Schwierigkeiten oder generell die näheren Umstände bei Expansionsprojekten kommentiert Ikea aber generell nicht, auch bei deutschen Projekten nicht.

[youtube]http://www.youtube.com/watch?v=2TBZwG_8-lg[/youtube]ODESSA, UKRAINE So sieht es also aus, wenn die fortschrittlichen Sozialisten der Ukraine in Odessas Zentrum gegen die Nato demonstrieren. Man beachte den Clown in der ersten Reihe. Der Sinn seines Mitwirkens ist noch ein Rätsel, und nur deshalb bleibt diesem Text eine nahe liegende Gemeinheit wie „Zirkusnummer” erspart. Ein weiteres Foto verrät, wie es Parteimitgliedern und Sympathisanten gelungen ist, die viel befahrene Uliza Preobrazhenskaya unverletzt zu überwinden. Um die Deribasowskaya, Odessas sehr breite Flaniermeile, zu erreichen, wählten sie nicht den Zebrastreifen, sondern den Fußgängertunnel, so dass für Sekunden die Rufe gegen die Nato und den ukrainischen Präsidenten Wiktor Juschtschenko verstummten.

„Ich schwöre, dass wir unser Leben ändern werden!”, hatte Juschtschenko bei seinem Amtsantritt am 23. Januar 2005 gesagt. Er gilt als Freund des Westens und der Nato. Das macht ihn zum Feind der fortschrittlichen Sozialisten, die von einem Großreich mit Russland und Weißrussland träumen.

Nun ist es aber, erstens, nicht so, dass die Nato das größte Flächenland Europas immerfort und geschlossen zum Mitmachen drängt. Erst jüngst hat Bundeskanzlerin Angela Merkel, auf Stippvisite in Kiew, eine Aufnahme der Ukraine in das Qualifizierungsprogramm für unbestimmte Zeit abgelehnt. Sie wünscht sich allenfalls eine langsame Annäherung an die Europäische Union.

Zweitens müsste die einstige Sowjetrepublik, seit 1991 unabhängig, augenblicklich andere Sorgen haben. In Korruptionsstatistiken belegt sie regelmäßig Spitzenplätze. Das schreckt ausländische Investoren genauso ab wie die Inflation, die bei 30 Prozent liegt. Zeitungen berichten täglich von Preisexplosionen. Für Angst sorgt vor allem die anstehende Verteuerung des Sprits auf sieben Griwen. Aktuell kostet der Liter 6,50 Griwen, umgerechnet 90 Cent.

In Umfragen spricht sich regelmäßig die Hälfte der Befragten gegen eine Nato-Mitgliedschaft aus. Ein unverkennbarer Riss teilt bei diesem Thema das Land: Die Bürger im Westen sehen die Zukunft in Europa, Leute im Osten und in der Schwarzmeerregion sympathisieren mit dem autoritären Russland und dessen Energiereichtum. Ein Sprichwort greift die Abhängigkeit vom russischen Gas auf: „Wohin steuert die Ukraine? Im Sommer nach Westen – und im Winter nach Osten.”

Es ist mein erster Außendreh gewesen, ich kann das besser. Michael Ballhaus bin ich aber auch nicht.

ODESSA, UKRAINE Meine Küche in Odessa erinnert mich an eine Frau aus Berlin. Schon gut, ich weiß, dass es einen Mann in große Schwierigkeiten bringen kann, wenn er die Wörter „Frau” und „Küche” in einen Satz packt. Ich will keinen Ärger mit Alice Schwarzer oder einer Dame, die sich einen Doppelnamen erheiratet hat. Ich bin ein moderner Mann, der die Gleichberechtigung nicht nur theoretisch unterstützt, sondern auch tatsächlich praktiziert im Alltag. Ich finde den Vergleich nun einmal sehr angebracht.

Die Küche, die uns unser Vermieter in die Wohnung gestellt hat, sieht aus, wie ich sie gebaut hätte. Wenn man weiß, dass ich handwerklich auf das Großartigste ungeschickt bin, kann man sich ungefähr vorstellen, wie sie aussieht. Eine Schönheit ist sie nicht. Sie erscheint schwerer, als sie ist, wofür das dunkle Holz sorgt. Einige Schranktüren, also eigentlich alle, hängen. Sie knurren auch, wenn ich sie öffne. Heimlich isst und trinkt bei uns niemand.

Die Leiste nun ist ein wenig länger als die Arbeitsplatte, auf der sie liegt. Ich tue der Küche kein Unrecht, wenn ich feststelle, dass sie auch in sich schief ist und überdies unmöglich jemals mit einer Wasserwaage in Berührung gekommen sein kann. Im Inneren wiederum scheinen die Löcher für die Wasserleitungen und Stromkabel doch auf recht plumpe Weise entstanden zu sein; ich bin zumindest nicht sicher, dass eine Stichsäge benutzt worden ist. Auf mich wirken die Löcher wie das Ergebnis eines Zusammentreffens von Hammer, Obstmesser und Händen, die meinen sehr ähnlich sein müssen. Die Dunstabzugshaube wiederum hängt so tief, dass ich mich beim Kochen immer bücken und darunter kriechen muss, um in die Töpfe sehen zu können. Allabendlich verbeuge ich mich ein ums andere Mal vor meinen eigenen Gerichten. Die Haube saugt kaum Koch- und Bratengerüche auf, sondern kümmert sich eher um Schuppen auf meinem Kopf.

Ich mag meine Küche trotzdem. Sie ist gewiss nicht in deutscher Qualitätsarbeit entstanden, das erkenne selbst ich. Doch wenn ich deutsche Qualitätsarbeit vermisse, muss ich wieder nach Deutschland ziehen. So sehe ich das. Es wäre lächerlich, an eine Rückkehr zu denken – wegen einer Küche, die manchmal nervt, meine ich. Für einen ukrainischen Handwerker beginnt der Pfusch erst bei einer Ungenauigkeit von mehr als einem Zentimeter. Alle Fehler im Millimeterbereich sind in Ordnung. Ich bin der Letzte, der das verurteilen darf.

Und was hat das mit einer Frau aus Berlin zu tun? Nun, mein Bruder hat einmal eine Berlinerin, die nicht jeden Mann sogleich verzaubern konnte, die – um es nett auszurücken – viel mehr zu bieten hatte als schöne Beine, schöne Brüste, schöne Haare und einen schönen Po, eine solche Frau hat mein Bruder einmal als „charakterstark” bezeichnet. Ich denke, so ist auch meine ukrainische Küche. Sie hat eine innere Schönheit. Sie ist charakterstark.

ODESSA, UKRAINE Mein Freund Oleg ist ein angenehmer Beifahrer. Man darf bei ihm praktisch alles. Oleg hat die Gabe, augenblicklich zu erblinden vor Einbahnstraßen, Stoppschildern und roten Ampeln. Meinen Atem, der beschleunigt, wenn ich am Steuer nicht ganz legal handele, hört er dafür umso schärfer. „War irgendwas, Kolumnist?”, fragt er dann. „So lange ich nichts sage, ist alles in Ordnung.” Die ersten vier Wochen bin ich nur mit Oleg Auto gefahren. Es gab für mich im Grunde keine Verbote, abgesehen von: „Lass die Lücke nicht so groß werden! Sonst springt einer rein.” Man kann sagen: Oleg hat mich als Verkehrsteilnehmer in Odessa versaut. Ich bin von ihm ukrainisiert worden.

Seit sechs Tagen fahre ich allein. Gestern habe ich zum ersten Mal gehupt, obwohl nur jemand Rücksicht nahm auf andere. Ich selbst werde kaum mehr bedrängt, was als Mensch nicht unbedingt für mich spricht, als Fahrer allerdings schon. Dass ich Gebote noch halbwegs beachte und mich kontrolliert offensiv fortbewege, liegt daran, dass vor zwei Wochen ein Nachbar den linken Autospiegel abgetreten hatte. „Ihr Nazis habt meinen Opa umgebracht”, schrie er, was juristisch bestimmt nicht ganz sauber formuliert ist, historisch-moralisch aber irgendwie hinkommt. Andererseits ist mir am nächsten Tag, während ich in einer Verhörzelle des Polizeireviers den Mann anzeigte, eingefallen, dass es das Wort „Vergangenheitsbewältigung” nur in der deutschen Sprache gibt. Im Gang schnarchten zwei Blutverschmierte ihren Rausch aus. Ich dachte an Adolf Hitler und sah braune Flecken auf meinem Hemd.

Ein paar Tage nach unserer Anzeige, an deren Nutzen wir bereits gezweifelt hatten, weil nichts geschah, bestellte uns ein Polizist zu sich. Nein, er bat um einen Besuch und erklärte sich bereit, zu uns zu kommen, als wir den Termin verschieben wollten. Zehn Minuten später saß er mit einem Kollegen an unserem Küchentisch. Noch einmal zehn Minuten später hatten wir vom Täter das Geld für die Reparatur erhalten und im Gegenzug die Anzeige zurückgenommen.

Es ist nur ein Verdacht, ich kann es nicht beweisen, aber ich bin ziemlich sicher, dass der Nachbar den Polizisten eine Aufwandsentschädigung gezahlt hat und deshalb noch vor ihrem Feierabend dieses Problem mit den Deutschen in den Papierkorb gelangen musste. Nur so kann ich mir den plötzlichen Eifer erklären. In der Ukraine ist nichts umsonst.

Ich habe im Skoda-Autohaus einen neuen Spiegel bestellt, er wird direkt vom großen Werk in Bratislava nach Odessa geliefert – ich glaube: von einem Fahrradkurier, der einen schönen Gepäckträger hat, vielleicht sogar einen Korb, aber nicht viele Gänge. Es dauert jedenfalls. Ich hatte gedacht, es könnte ein Problem sein, ohne den Spiegel zu fahren. Dann kam Oleg, der staatlich ungeprüfte Schadensgutachter. „Fährt die Kolumnistenkarre nicht ohne das Ding?”, hat er gefragt. „Na siehste! Mein Bruder braucht die Spiegel nur, wenn ihm eine Frau auf dem Fußweg zu sehr gefällt. Aber du bist ja verheiratet. Los, fahren wir ans Meer.”

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