Am Pranger

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ODESSA, UKRAINE Mal wieder etwas aus der Reihe, wie ernst in der Ukraine der Datenschutz genommen wird. In der Hofeinfahrt hängt seit gestern dieser Zettel:

Darauf stehen 36 Personen, die in der Troizkaja Straße 28 wohnen und offenbar Schulden haben. Und damit sich auch bloß niemand nicht angesprochen fühlt, trägt jeder dieser 36 Vor-, Vaters- und Nachnamen. Wem Geld geschuldet wird, ist mir unklar, weil ein Wütender (oder auch sehr Vernünftiger) das Schreiben so gekürzt hat, dass der Absender mittlerweile fehlt. Und ehe Sie jetzt denken, ich würde mit dem Finger auf andere zeigen: Ich stehe auch auf der Liste, ich bin der zweite von oben. Meine Schulden betragen 162,04 Griwna. Damit bin ich immerhin der Zehntbeste. Der Sieger bringt es auf 1512,80 Griwna. Letzte ist Nina mit acht Kopeken.

Okay, eigentlich steht dort nicht mein Name, sondern nur der des Sohnes meiner Vermieterin. Ich weiß nicht genau, ob es Altschulden des Sohnes sind oder doch ich irgendwo im Rückstand bin. Es ist alles viel komplizierer, als Sie sich vorstellen können.

Am besten ich tauche ich mal ein paar Tage in Kiew unter – bis Sonntag, vielleicht.

KUTSCHURGAN/ODESSA, UKRAINE Ich habe nicht vor, mich an Kutschurgan zu rächen. Immerhin habe ich dort mein Auto wieder legal machen können. Ach, ich hatte mir es so schön vorgestellt: Alle zwei Monate fahre ich zur moldawischen Grenze und verlasse die Ukraine, reise wieder ein, kurve weiter legal herum und muss mein Auto nicht in Odessa registrieren lassen, was ein bürokratischer Marathon wäre, zumal ich ja irgendwann nach Deutschland zurückkehren werde.

Vor ein paar Tagen allerdings – beim zweiten Besuch in Kutschurgan – hat man mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich nicht wiederkommen solle. “Das war das letzte Mal”, sagte ein hohes Zollschaf, das sich noch an meinen ersten Besuch erinnerte. Es störte sich offenbar daran, dass ich nicht richtig in Moldawien gewesen war, sondern gleich nach Verlassen des ukrainischen Zollbereichs gewendet hatte. Das machen andere auch, und den Moldawiern ist es sowieso recht, schließlich ist die Einreiseschlange schon lang genug. Die Ukrainer indes fühlen sich offenbar verschaukelt.

Ich bin nicht besonders nachtragend, aber muss so eine öffentliche Toilette an einer Grenze aussehen – an einem Ort also, wo auch Familien stundenlang im Auto sitzen und warten?

Ist das überhaupt eine Toilette? Denke ich vielleicht ein bisschen zu spießig, pathetisch und deutsch, wenn ich mir vorstelle, dass für manchen ausländischen Gast dieses Klo der erste Eindruck ist, den er von der Ukraine bekommt? Ich habe in 15 Monaten in diesem Land ein Menge schlimmer Toiletten gesehen und teilweise auch benutzt – aber das ist die beschissenste von allen.

Und seien Sie froh, dass das Internet noch keine Gerüche transportieren kann.

Band ohne Namen

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JALTA/ODESSA, UKRAINE Mag sein, dass mich der Vollmond über Jalta und die vorbeidefilierenden Urlaubsschönheiten ein bisschen unkritisch gemacht haben. Möglicherweise war ich auch so überwältigt, weil mein Wissen über russische Rockmusik mit Wiktor Zoi beginnt und mit der Gruppe “Kino” aufhört. (Experten dürften die Größe meiner Ahnungslosigkeit ermessen.) Ich bestreite all das jedoch. Es war ein wundervolles Konzert an Jaltas Strandpromenade. Die fünf jungen Leute um den Apfelsaft schlürfenden Sänger spielten fast zwei Stunden vor einem zunehmend betrunkener werdenden Publikum. Sie sangen Lieder, die ich nicht kannte, über Sachen, die ich nicht verstand. Mein Russisch rockt einfach noch nicht.

Und jetzt kommt es: keine CD, die ich hätte kaufen können, keine Homepage, auf die ich jetzt verweisen könnte – die Gruppe hat noch nicht mal einen Namen. Alles, was ich weiß, ist, dass die vier Männer und die hübsche, etwas schüchterne Keyboarderin Jaltaer¹ sind. Erzählt hat es mir der Manager, der natürlich gar kein Manager ist, sondern bloß ein Freund, der auf die Schachtel aufpasst, in die Zuhörer Geld werfen können. Abend für Abend, außer montags, spielen sie dort, das Schwarze Meer als Backstagebereich, und werden wahrscheinlich nie berühmt und reich. Es ist ein Jammer.

¹ Nein, es heißt nicht Jalteser.

(Hiermit eröffne ich die Krim-Woche dieses Blogs.)

Ich werde bis Dienstagmittag auf der Krim sein. Bitte werfen Sie ruhig ein paar Scheine in den Kommentarbereich – denn bei den Preisen auf der Halbinsel werde ich voraussichtlich pleite zurückkommen. Falls Sie Sehnsucht nach mir haben und mich in Jalta besuchen wollen, finden Sie mich hier. Ich empfehle, mit dem Nachtzug nach Simferopol zu fahren und von dort auf der längsten Trolleybusstrecke der Welt weiter zu düsen. Für die 86 Kilometer bis Jalta brauchen diese Uraltbusse angeblich kaum mehr als zweieinhalb Stunden.

Zur Sicherheit wird mein Freund Axel alle Kommentare von Leuten freischalten, die hier zum ersten Mal vorbeischauen. (Er wird sich also nicht überarbeiten.) Bis zu meiner Rückkehr können Sie vielleicht raten, aus welchem Land der Besitzer dieses schönen Flitzers kommt. Ich habe mir sagen lassen, er sei vor zwei Jahren schon einmal in Odessa gewesen.

Zweikönigstreffen

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SCHWERIN, DEUTSCHLAND Puuh, hinter mir liegt ein Wochenendworkshop mit Axel, aber was tut man nicht alles, um die Qualität seiner Humorausdünstungen zu steigern? In diesem Fall: Gastvorträge zum aktuellen Stand der Kolumnenforschung und zum Einfluss von Twitter aufs Gewitter, Powerpointen-Referate, Kalauer-Contest zwischen Frühstück und Mittagessen, erbitterter Methodikstreit, Diskurswerfen, Textkritik auf Mikro-, Meso- und Makroebene, Vergleichsanalysen aller Art. Das Foto zeigt, wie Axel, nachdem wir aus diesem Stollen stundenlang Kolumnen abgebaut haben, ein paar Augenblicke verschnauft.

Axels Resümee steht hier.

(Axel Scherm)
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Androhung

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ODESSA, UKRAINE Ich bin mal wieder im Zoo gewesen, um zu schauen, ob seit meinem Besuch im September etwas geschehen ist. Ja, es ist etwas geschehen: Die Musik dröhnt jetzt noch lauter. Unter anderem werden die Zellen Gehege mit Lou Begas “Mambo No. 5″ beschallt. Sollte mir der TiergefängnisZoodirektor Jurij Kutscherenko einmal persönlich begegnen, könnte es sein, dass ich ihm gepflegt in die Weichteile trete sehr deutlich zu verstehen gebe, wie ich über ihn denke.

Nein, ich bin kein aggressiver Tierschützer. Ich finde nur einen Kerl zum Kotzen, der Tiere so einsperrt und misshandelt, der zulässt, dass Kinder begleitet werden von saufenden Eltern, und nichts gegen Müll in seinem Park hat. Übrigens werden die Zoobesucher aufgefordert, die Tiere nicht zu erschrecken und nicht zu necken.

Falls Sie nicht mehr wissen, was Lou Bega den Ohren antut, bitte sehr:

ODESSA/KIEW, UKRAINE Ich reiche das Foto von der Medien-Krim-Gas-Konferenz in Kiew nach – nicht nur aus Eitelkeit, sondern auch als Beweisstück 1 für meine Krankenversicherung, dass ich in der ukrainischen Hauptstadt gewesen bin. Auf dem Bild sehen Sie, von links, den Lemberger Journalisten Jurij Durkot, Walerij Iwanow, Moderator und Präsident der Akademie der Ukrainischen Presse, Wolodymyr Kornilow, Chef der ukrainischen Filiale des Instituts der GUS-Staaten, und mich. Der Medienanalytiker Heorhij Potschepzow versteckt sich ganz links.

[Foto: Judith Rothe, Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Zentrum für Mittel- und Osteuropa]

In meinem Referat habe ich versucht, die Frage zu beantworten, wie die deutschen Zeitungen den Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine behandelt hätten. Ich behauptete, die Journalisten hätten ausgewogener als 2006 berichtet und kommentiert, als Russlands Präsident Wladimir Putin für viele der klare Schuldige gewesen war. Diesmal habe die wirtschaftliche Seite des Konflikts im Mittelpunkt gestanden.

Und hier sind zwei blitzgescheite Gedanken des Referenten:

1. Die Journalisten haben weitaus kritischer als 2006 über die Ukraine berichtet, weil sie – ein Grund – von der Entwicklung des Landes nach der Orangen Revolution enttäuscht sind. Das Land macht wenig Fortschritte; die Orangen Helden, Präsident Viktor Juschtschenko und Regierungschefin Julia Timoschenko, haben an Glanz verloren. Nach wie vor gibt es Korruption, Oligarchenherrschaft und Ex-Geheimdienstler, die im Verborgenen die Strippen ziehen. Von Russland erwartet man nichts anderes.

2. Mein Fazit: Das Ukraine-Bild der Deutschen hat sich durch die Medienberichterstattung eher verschlechtert, aber das Bild von Russland – soviel zum Trost – auch nicht unbedingt verbessert.

Der Herr neben mir auf dem Podium fand das allerdings weniger witzig als das Publikum.


Experte im Informationskrieg

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ODESSA, UKRAINE Ich nehme mir mal zwei Tage Urlaub. Das Auslandsbüro Ukraine der Konrad-Adenauer-Stiftung hat mich zu einer Podiumsdiskussion nach Kiew eingeladen – vielleicht auch wegen der Kolumne Gasperletheater. Der Titel der Veranstaltung ist: “Ukrainisch-russische Beziehungen: Informationskonfrontation – Journalistische Berichterstattung in den ukrainischen und europäischen Medien”.

Ich werde gemeinsam mit dem Journalisten Jurij Durkow, mit Wolodymyr Kornilow, Leiter des Instituts der GUS-Staaten in der Ukraine, und dem Medienanalytiker Georgij Potscheptsow das Thema “Gaskrieg und Informationskrieg – die Rolle der Massenmedien” diskutieren. Alles Weitere entnehmen Sie bitte der ukrainischen oder deutschen Einladung.

Ja, ich freue mich. Und, natürlich!, bin ich aufgeregt.
Sollte sich etwas Besonderes ereignen, melde ich mich aus Kiew.

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