ODESSA, UKRAINE Ich kann mich nicht erinnern, so etwas schon einmal gesehen zu haben: einen McDrive, bei dem die Angestellte von Autofenster zu Autofenster geht, um die Bestellungen aufzunehmen. Ist das jetzt rückschrittlich? Oder erprobt der berühmte Bulettengriller in Odessa den neuen Kuschelfaktor?

Eigentlich aber will ich nur diese Frau ärgern.
“Fotografieren ist verboten”, hatte sie gesagt.
“Warum?”
“Es ist verboten.”

Allmählich habe ich satt, in diesem Land ständig für unbefugt erklärt zu werden – von gelangweilten Türstehern, dicken Etagendrachen, so genannten Administratorinnen, die vor lauter Schminke kein Gesicht haben, oder 15 Jahre alten Parkwächtern mit einem Alkoholproblem. Wenn ich nachfrage, warum ich irgendwo nicht entlang-, hinein-, hinaus-, hinauf- oder hinuntergehen darf, dann gibt ein sich wichtig fühlender Machtaffe immer diese Antwort: “Es ist verboten.”

ODESSA, UKRAINE Sonntagmorgen, halb sechs: Die Wohnung ist ohne Strom. In den vergangenen fünf Tagen, meist am Nachmittag, ist er immer mal wieder verschwunden gewesen. In einigen Cafés in Odessas Zentrum sind Gäste gar nicht bedient worden.

So ein Aufbruch in den freien Tag mit Kerze im Bad, kalter Dusche, Kaffee vom Gasherd, harten Brötchen und einer Tüte Vanilleeis, das im Gefrierschrank langsam schmilzt, ist natürlich nicht zu verachten. (Die Krabben hinter dem Eis sollen mir erst später einfallen.) Nachdem Bob der Baumeister zur Freude meines Sohnes einen Unterstand für Heppo und ein Lager für die Strohballen von Bauer Gurke gebaut, dabei aber den Akku des Laptops vollständig geleert hat, ziehe ich in die Stadt, um in einem Café Strom zu schnorren, die Elektropost zu lesen und vielleicht etwas zu speisen.

Der größte Generator steht in der Deribasowskaja, Odessas breiter Einkaufsstraße, vor der Restaurantkette “Top Sandwich”:

Angeber! Deshalb schmeckt das Essen dort nicht besser.

Im Café “Kompott” ist Schnitzel im Baguette wegen des Stromausfalls aus, Blinschiki mit Hackfleisch gibt es seltsamerweise, Steckdosenstrom wiederum nicht, Licht allerdings schon, die Kellnerin weiß nichts Genaues, bringt heiße Milch zum heißen Kaffee und am Ende eine am Computer erstellte Rechnung, verstehen muss man das aber nicht.

Der Schnellimbiss, schräg gegenüber, ist ganz dicht.

Im Kaufhaus “Europa”, wo ich ein paar Kerzen kaufen will, es scheint ja was Ernstes zu sein, fährt der Aufzug nicht. Odessas Aufzüge fahren sonst immer, selbst wenn gerade kein Strom da ist. Die Rolltreppen stehen auch still. Einer der Wachmänner, befragt, warum die gesamte Innenstadt ohne Strom sei, sagt: “Das ist eine Vorsichtsmaßnahme. Es gibt eine Erdbebenwarnung.”
“Und wann ist der Strom wieder da?”
“Zwischen fünf und sechs.”

Mittagessen zu Hause: Krabben an kalter Vanillesoße sind nicht unköstlich.

Ich glaube das mit der Erdbebenwarnung tatsächlich, kann mich aber trotzdem nicht vom Mittagschlaf abhalten. Ich albträume, ich verpasste am Abend das Kanzler-Duell zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier, weil es ja ohne Strom keinen Live-Stream gibt.

Nach dem Aufwachen gibt es nach wie vor kein Licht in der Wohnung. Aber sie ist noch da. Auch die Nachbarhäuser stehen. Das Akku meines Mobiltelefons ist leer. Ich überrede mich zu einem Spaziergang. Die Stadt ist ruhig, nur hie und da brummen Generatoren. Die Türen vieler Geschäfte stehen offen, drinnen ist aber nichts als Finsternis.

Generatoren bei der Sonntagsarbeit

Generatoren bei der Sonntagsarbeit

Ist das wertvolle Leben längst evakuiert? Sitzen die Oligarchen in einer unterirdischen Höhle und warten mit Leuten aus der Stadtverwaltung, mit Wissenschaftlern und Kulturschaffenden das Erdbeben ab, um aus den Trümmern ein neues Odessa aufzubauen – schöner und gerechter als das alte? Warum bin ich nicht ausgewählt worden? Waren meine Kolumnen nicht witzig genug? Jede Stadt braucht doch einen Hofnarr. Oder habe ich vielleicht einmal zu oft den Film “Deep Impact” gesehen?

Auf einmal leuchten die Ampeln wieder, und ich denke sogleich: Wie gut, dass wir heute Sonntag haben und das Erdbeben nicht am Montag nicht ausgebrochen ist – ohne Ampeln wäre das Verkehrschaos sonst gewaltig gewesen.

Das Kanzler-Duell im Live-Stream: Nach einer halben Stunde wünsche ich mir, der Strom würde ausfallen.

Ich entdecke die Meldung auf der Homepage der Stadt vom Freitagnachmittag, dass heute nur von sechs Uhr morgens bis fünf Uhr abends am Heizkraftwerk herumrepariert werde:

Размещено: 11.09.2009 15:04:10
Оповещение Центрального РЭС

13 сентября с 06:00 до 17:00 в связи с ремонтными работами на Одесской ТЭЦ в ряде домов от Пересыпского моста до ул. Б.Арнаутской и от ул. Балковской до прибрежной зоны будет отключена электроэнергия
Центральный РЭС доводит до сведения населения, что 13 сентября 2009г. в связи с ремонтными работами на Одесской ТЭЦ в ряде домов будет отключена электроэнергия

с 06:00 до 17:00
от Пересыпского моста до ул. Б.Арнаутской и от ул. Балковской до прибрежной зоны.

Телефон для справок: 705-26-00, 7-144-144.

ODESSA, UKRAINE Das Sanatorium “Arkadia” am Französischen Boulevard wirkt ja erst richtig, wenn man auf Farbe verzichtet. Wie schön wäre dieser Ort, wenn er nur von irgendwem so geliebt würde, wie er es verdient hätte? (Die Überschrift ist – natürlich – ein bisschen geklaut.)

Axel im Wunderland

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ODESSA, UKRAINE Ich will Ihnen nur rasch zeigen, in welch netter Ecke von Odessa ich meinen Freund Axel während seines Odessa-Besuchs einquartiert hatte. Ich meine ja, kolumnenhaltiger kann Luft kaum sein. Und ja, Axel redet noch mit mir. Er hat zum Beispiel einen feinen Reisebericht geschrieben. Darin geht es um michmichmich – und auch um dieses Odessa.

Am Nachmittag haben wir einen riesigen Wochenmarkt besucht, den sogenannten Priwos-Markt. Hier gibt es alles, was in Haushalt und Küche benötigt wird und Christoph hatte die Anweisung von seiner Frau bekommen, alles, was die Liebste für ein mehrgängiges Menü benötigte, zu bezahlen, wenn notwendig, Übersetzungshilfe bei den Marktweibern zu leisten und ansonsten keine dummen Fragen zu stellen.
Das ließ sich die Liebste natürlich nicht zwei Mal sagen und hat Unmengen Gemüse, Salat, Gewürze und Fleisch eingekauft. Meine Bedenken bezüglich der Unterbrechung der Kühlkette wurden von ihr ebenso in den Wind geschlagen, wie Christophs Einwand, eine solche Menge Essen könne man doch unmöglich von DIN-A-5-Tellern verspeisen.

DIN-A5-Tourismus – lesen! Das unverschämte Fazit – “fünf Tage Odessa reichen vollkommen aus” – sehen wir Axel mal nach. Zur Strafe werde ich der Stadtverwaltung melden, dass der rote Rostfleck auf den Fotos sein Auto ist.

Anti-Reinplumps-Sicherung

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ODESSA, UKRAINE Dies ist eine Anleitung für den Fall, dass es bei Ihnen mal so schlimm regnet wie bei mir in Odessa vor ein paar Tagen. Stellen Sie sich vor, es habe so schlimm geregnet, dass Ihr Hof aussieht, als sei der Abfluss verstopft. In Odessa zog sich ein Mann ein Paar Gummistiefel an und entfernte den Gullydeckel. Um ja niemanden in Gefahr zu bringen, hat er später freundlicherweise noch das Loch in Richtung Odessas Unterwelt markiert.

Sagen Sie unbedingt dem Hund der Nachbarin Bescheid und behalten Sie ihn ein bisschen im Auge. Bei mir im Haus ist es jedenfalls verdächtig still, aber vielleicht ist der Kleffer auch bloß verreist.

(Wahrscheinlich würde ich das alles viel, viel weniger komischer finden, wären meine Kinder alt genug, um auf dem Hof allein zu spielen. Das ist also eine Anleitung, wie sie es besser nicht machen, wenn es schlimm regnet.)

ODESSA, UKRAINE Ich staune auch nach 15 Monaten noch, wie in Odessa groß und offiziell wichtig gefeiert wird. Nehmen wir einmal das Fest zum 215. Geburtstag der Stadt – lange kann die Planung nicht gedauert haben. Unmöglich hat sich da irgendjemand in der Verwaltung auch nur länger als zwei Minuten Gedanken gemacht, sonst hätte dieses Fest nicht ausgesehen, wie es ausgesehen hat: als hätten sich die Mitglieder des Organisationskomitees am Vortag kurz vor Feierabend zum ersten Mal versammelt, sich ein paar Ideen zugeworfen und dann ein Programm zusammengeklöppelt:

“Machen wir eine große Bühne mit Livemusik.”
“Am besten an der Treppe.”
“An der Treppe, wow, wäre ich nicht drauf gekommen. Das ist gut. Das wird fantastisch.”
“Wir brauchen unbedingt Blumen. Ein Geburtstag ohne Blumen geht gar nicht.”
“Machen wir doch eine Blumenschau.”
“Ist das nicht langweilig?”
“Hey, die Blumen sehen aus wie Herzen, total romantisch.”
“Oh, tschuldige, ich habe nix gesagt.”
“Leute! Leute! Vergesst mir das Feuerwerk nicht.”
“F-e-u-e-r-w-e-r-k! Chef, Sie sind der Größte!”
“Gut, wir haben’s oder? Dann schönen Feierabend!”

So ein Kitsch-her-Projekt führt dann zu einem Fest, das unheimlich teuer ist, aber billig aussieht, das bunt sein soll, aber nur grell ist, das laut ist, aber unhörbar. Und die Besucher werden erst gar nicht einbezogen. Sie dürfen sich vor Blumen in Herzform fotografieren lassen, ein Konzert beklatschen und sich betrinken.

Um es anders zu sagen: Mich irritiert und besorgt, dass diese Stadt keinerlei Anspruch hat, ihren Bürgern irgendetwas mitzugeben, wenn die Chance mal besteht. Da gibt es keinen Stand, der vor Aids und HIV warnt, obwohl die Ukraine die höchste Infektionsrate Europas hat und Odessa da noch einmal Spitzenreiter ist. Da präsentiert sich kein einziger Verein der Stadt, und es wird gar nicht erst versucht, für so etwas wie ehrenamtliches Engagement zu werben – obwohl nichts dringender gebraucht würde.

Ich will nicht moralisieren. Ich erwarte aber ein bisschen mehr von einer Supermetropole, die so verdammt stolz ist auf sich und gelegentlich herabschaut auf den Rest des Landes und der Welt, in der überall sinnfreie Angeber-Plakate hängen – von “Ich liebe dich, mein Odessa” bis “Das ist unsere Stadt” -, die gleichzeitig erstickt an ihren Problemen, in der Obdachlose stundenlang leblos auf dem Bürgersteig liegen und sogar Polizisten an ihnen vorbeilaufen.

Vor allem aber verstehe ich nicht, dass Leute diesen Unsinn, diesen Spuk, diese Volksverarschung mitmachen, ohne laut zu schreien, den Kopf gegen die Wand zu schlagen oder wenigstens das Rathaus zu stürmen.

(Wenn meine Kamera repariert ist, werden die Fotos vielleicht wieder besser.)

ODESSA, UKRAINE Odessa hat heute Geburtstag, die Stadt wird 215 Jahre alt. Jedes vierte Haus ist beflaggt, und AUPU, der allseits unbeliebte Präsident der Ukraine, Viktor Juschtschenko, hat sich angesagt, um den Odessiten zu gratulieren. Die werden sich freuen.

Ich weiß noch nicht, ob ich mich breit genug schlagen kann, um heute Abend auf dem Primorskij Boulevard die große Feier zu besuchen. Meine Informaten haben mir allerdings zugetragen, dass es sich lohnen könne. Es gibt einen Klapperstorch mit Dollarscheinen im Schnabel, Kinder lassen sich mit Aliens fotografieren, und die extra aufgestellten Topfpflanzen sollen einzigartig grässlich sein. Nach “Humorina” am 1. April kann mich sowieso nichts mehr schocken. Ich gebe aber zu, dass mir diese Werbe-Animation mit den vielen Gesichtern schon sehr gefällt.

Nachtrag: Ich habe mich breit genug schlagen können. Eine Erregung: Glückwunsch, Odessa!

ODESSA, UKRAINE Ich will Ihnen schnell zeigen, wie ernst in der Ukraine der Datenschutz genommen wird:

Das ist die Lehranstalt für Schwesterschülerinnen in der Puschkinstraße im Herzen Odessas. Und die weißen Zettel sind Prüfungsergebnisse und Zeugnisnoten. Vor jeder Zensur und jeder Punktzahl steht der Name der Schwesternschülerin. Das ist einerseits relativ praktisch, es erspart diese “Und was hast du? Sag schon!”-Anrufe der Mitschülerinnen. Andererseits bin ich ganz froh, dass in meiner Studienzeit hinter meinen Noten, die ausgehängt waren, nur meine Matrikelnummer stand.

Und wo wir gerade in der Puschkinstraße sind – so ernst wird in der Ukraine der Schutz wertvoller Kunstgüter genommen:

Hier werden Bilder aus dem frisch renovierten Museum für westeuropäische und orientalische Kunst (Hausnummer 9) geschafft – und das auf die denkbar professionellste Weise. Bitte beachten Sie unbedingt den Motorroller auf dem Anhänger. Ich verstehe jetzt ein bisschen besser, wie vor 13 Monaten aus diesem Museum  Caravaggios “Judaskuss” (geschätzter Wert: 100 Millionen Dollar) hat verschwinden können. “Der Täter habe die Fenster im Museum so geschickt geöffnet, dass der Alarm nicht losgegangen sei, erklärte der städtische Polizeichef.”

Na klar.

(Ich frage mich bis heute, warum sich der Dieb so viel Mühe gemacht hat. Er hätte das Gemälde doch einfach abnehmen und heraustragen können. Als ich im Museum war, saßen dort nämlich bloß drei steppummantelte Großmütter. Aber ich will niemanden auf Ideen bringen.)

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